Ethische Reflektion bei Mensch – und Maschine!

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Ethische Reflektion bei Mensch – und Maschine!

Die Arbeitsethik hält Einzug in die KI-Debatte: Wie sollen Politik und Verwaltung darauf reagieren, dass Computer und Software uns im Büro, in der Praxis und am Fließband immer mehr unterstützen und den Menschen Arbeit abnehmen? Die Digitalisierung der Arbeitswelt erfordert es, dass von klein auf Schlüsselkompetenzen gefördert werden. Welche das sind und was es noch braucht, darüber diskutierten Experten jetzt bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Wittenberg.

Keine Frage, der Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz schreitet rasant voran. Und immer mehr Aufgaben, die bisher Menschen erledigen, übernehmen die Maschinen. Der Geschäftsführer der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, Kay Senius, verweist bei der vom CDU-MdB Sepp Müller moderierten Veranstaltung auf zwei Studien seiner Agentur, die zeigen, in welche Richtung es geht: 2014 untersuchten seine Kollegen, wieviel der Elemente der Berufe in Deutschland digitalisiert werden könnten. Damals kamen sie auf einen Wert von 14 bis 15 Prozent. Drei Jahre später waren es schon 25 Prozent.

„Wir sind mittendrin in der Digitalisierung und können jeden Monat mehr Beschäftigte vermelden“

Doch Senius betont: „Das heißt nicht, dass diese Jobs alle verloren gehen. Durch die Digitalisierung gehen (der Schätzung zufolge) 1,46 Mio Jobs verloren, aber es entstehen 1,4 Millionen neue.“ Und er ergänzt: „Wir sind mittendrin in der Digitalisierung und können jeden Monat mehr Beschäftigte vermelden.“ Dennoch seien Arbeitnehmer in Fertigungsberufen, Verkehrsberufen, bei unternehmerischen Dienstleistungen und Bürotätigkeiten besonders davon betroffen, durch Software, autonom fahrende Autos und Roboter ersetzt zu werden, so Senius.

Doch auch „scheinbar sichere Berufe sind gefährdet“, berichtet der CDU-Bundestagsabgeordnete Tankred Schipanksi und verweist auf neue Analyse-Methoden im Bereich Radiologie oder Neurologie, die ihren Job schneller und besser als ein Arzt erledigen könnten. Algorithmen machen sich auch unter Juristenkreisen breit und seien beispielsweise in der Lage, vor einer Firmenübernahme den Wert eines Unternehmens anhand der abgeschlossenen Verträge zu bewerten – effizienter als ein Mensch das könnte, so der Abgeordnete, der im Bundestag Mitglied in den Ausschüssen
„Digitale Agenda“ und „Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung“ ist.

„KI ist noch lange nicht so weit, Menschen zu ersetzen“

„Rechtsanwaltsgehilfen könnten da bald wichtiger sein. Die Krankenschwester ist mit ihren Emotionen unter Umständen wichtiger als der Arzt“, resümiert Schipanksi und rührt damit an der Frage, was den Menschen eigentlich ausmacht und welche Arbeit Künstliche Intelligenz dem Menschen eigentlich abnehmen kann oder soll. Sicher ist er sich aber in einem Punkt: „KI ist noch lange nicht so weit, Menschen zu ersetzen.“

„Risiko eines digitalen Proletariats“

Der Mensch der Zukunft wird nicht nur wegen seiner Empathie- und Sympathie-Fähigkeiten Arbeit finden. Auf absehbare Zeit werden Mensch und Maschine gemeinsam Aufgaben meistern, und damit die Arbeitnehmer von heute dabei mitkommen, benötigen sie Schlüsselkompetenzen. Für den Arbeitsmarktexperten Senius sind das „Medienkompetenz, Kreativität und Lernbereitschaft“ – und Voraussetzung dafür seien entsprechende Bildung und Weiterbildung, Stichwort: „lebenslanges Lernen“. Seine Bundesagentur für Arbeit setze zudem auf frühzeitige Beratung.

Auch die soziale Dimension der zukünftigen Arbeitswelt beschäftigt Politik und Verwaltung, die Sorge um „Click-Worker“, die „nicht sozialversicherungspflichtig erfasst sind“, ist groß: Senius befürchtet das „Risiko eines digitalen Proletariats“. Denn Spezialkenntnisse würden höher entlohnt werden, die Lohnspreizung könnte zunehmen, so Senius über die Herausforderungen der Welt der Arbeit 4.0.

„Anpassungsbedarf beim Arbeitnehmer erkennen“

Deswegen müssten schon Schulkinder „die Fähigkeit zur Reflektion der eigenen Fähigkeiten entwickeln“, führt der evangelische Theologe Albrecht Steinhäuser aus. Und sowohl Schipanski als auch Senius stellen die Frage in den Raum, ob es bei einer Beratungsmöglichkeit bleiben oder es eine Beratungspflicht geben solle? Schließlich müsse die Bundesagentur für Arbeit „rechtzeitig den Anpassungsbedarf beim Arbeitnehmer erkennen“, bedenkt Senius.

„Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen“

Traditionelle Arbeitsmodelle und -zeiten werden sich verändern: „Wir werden eine hybride Arbeitswelt haben“, prophezeit Schipanski. Wenn uns immer mehr Roboter und lernende Systeme unterstützen, die Arbeit immer digitaler wird, kann „Arbeit 4.0  einen besseren Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit“ bringen, so der Abgeordnete. Vor genau diesem Aspekt der Digitalisierung warnt jedoch Senius, vor ständiger Erreichbarkeit zum Beispiel, „wenn die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen“: „Habe ich nicht einen Anspruch auf Ungestörtheit?“

Die Antwort der Politik lautet Regulierung, beispielsweis durch Gesetze zum Arbeits- oder Datenschutz, so Schipanski. Senius als Vertreter der Arbeitsverwaltung kann sich eine „faire Sozialpartnerschaft“ vorstellen, zum Beispiel in Tarifverträgen. Und der Beauftragte der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt Steinhäuser sieht die Verantwortung für ethisches, gutes Handeln bei den Akteuren, also Arbeitgebern und Arbeitnehmern – diese könnten mit Preisen für gutes Handeln belohnt werden oder Fonds könnten angepasste Kriterien erhalten, „denn auch solche Unternehmen brauchen Geld.“

Befähigung von KI zu ethischer Reflektion?

Oberkirchenrat Steinhäuser geht sogar noch einen Schritt weiter und fragt nach Ethik-Einstellungen bei den Algorithmen Künstlicher Intelligenz selbst: „Sind wir nicht, damit es gut wird, darauf angewiesen, Maschinen die Kategorien unsere ethischen Urteilsbildung beizubringen, selber verantwortet reflektierend zu agieren und reagieren?“, fragt er vor dem Hintergrund autonom fahrender Fahrzeuge, die beispielsweise in einer Unfallsituation Entscheidungen treffen müssen. Vielleicht sollten wir jetzt schon anfangen, unsere menschlichen Lernprozesse auf die Maschinen zu übertragen, schlägt Steinhäuser vor – gibt aber zugleich zu, das sei noch „Zukunftsmusik“.

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