Künstliche Intelligenz und Kunst: „Am Anfang steht immer der Mensch“

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Menschliche Erfahrung ist nicht übertragbar. Menschen können lernen. Das heißt: Neues schöpfen. Nicht aber Computer. Die können lediglich Strukturen und Daten nach vorgegebenen Mustern erweitern und verdichten. Man spricht dann von ‚lernen‘, aber es handelt sich in Wahrheit nur um die Vermehrung von Daten. — Joseph Weizenbaum, 1991

Künstliche Intelligenz und Kunst: „Am Anfang steht immer der Mensch“

Wieso Kreativität nicht im Computern allein, sondern nur in der Kombination von Mensch und Maschine entstehen kann, darüber sprach Prof. Dr. Klaus Siebenhaar am Montag in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Er erläuterte anhand zweier 200 Jahre alter Romane die Sündenfälle der Wissenschaft und zeigte: Die Kooperation zwischen Mensch und Maschine ist nichts Neues.

Olimpia war ein „hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer“, „engelschönes Gesicht“, „nur die Augen schienen […] gar seltsam starr und tot.“ In E.T.A. Hoffmanns Sandmann verliebt sich der junge Kunststudent Nathanael Hals über Kopf in die „himmlisch-schöne“ Tochter von Professors Spalanzanis. Als am Ende klar wird, dass sie ein Holzautomat ist, verliert Nathanael den Verstand und stürzt in den Tod. Professor Siebenhaar sieht darin heute, 200 Jahre nach Erscheinen der Erzählung, auch einen von zwei Sündenfällen, nämlich die Distanz zu verlieren und „eine Maschine zum Menschen zu machen“.

Klaus Siebenhaar ist Geschäftsführender Gesellschafter Institut für Kultur und Medienwirtschaft (IKMW), Professor a.D. für Kultur- und Medienmanagement, Professor für Neuere Deutsche Literatur der Freien Universität Berlin sowie Professor für Arts Management an der Central Academy for Fine Arts (CAFA) in Peking.

„Das Monster kommt aus Ingolstadt“

Dem 1817 herausgekommenen Sandmann folgte nur ein Jahr später Mary Shelleys Frankenstein oder Der moderne Prometheus, ein Werk, das den zweiten Sündenfall beschreibt. In dem Roman erweckt der junge Wissenschaftler Viktor Frankenstein an der damaligen Universität Ingolstadt „eine aus Menschenseelen zusammengesetzte Kreatur zum Leben“, so Siebenhaar, aber „der Schöpfer wendet sich entsetzt von seinem Werk ab.“ Er übernimmt nicht die Verantwortung für seine Schöpfung. Aus Mangel an Zuwendung zieht das Monster mordend durch Europa, von Frankenstein verfolgt – am Ende sterben beide im Polarmeer.

Beide Romane zeigen, dass die künstlerische Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine gar nicht so neu ist. Mit dem Prometheus-Mythos in Frankenstein kann man beginnen, die Frage zu beantworten, ob schlaue Roboter kreativ sein können – und Kunst produzieren.

„Von nun an war nichts mehr normativ“

Prometheus (der Titan, der den griechischen Göttern das Feuer stahl und es den Menschen brachte, aber eine Mythos-Version zufolge auch den Menschen aus Lehm gestaltete) sei immer das Vorbild für den Künstler gewesen, „der eigenmächtige Schöpfer“, der aus sich selber heraus schafft, so Siebenhaar. Doch dieses Bild vom „Originalgenie“ zerbröckelte immer mehr. Einen „künstlerischen Sündenfall“ habe der Künstler Marcel Duchamp vor 105 Jahren begangen, als er das Rad eines Fahrrads ausstellte und sagte, bereits diese Auswahl sei Kunst. 1913 ein handfester Skandal: „Von nun an war nichts mehr normativ“, resümiert Siebenhaar. Und diese Entwicklung setzte sich fort, berichtet der Kulturhistoriker Siebenhaar: „In letzten 50 Jahren wurden Künstlergenie und Kunstwerk demontiert.“

Auch ein Computer kann kreativ sein, wenn…

Und dennoch hätten sich „die tradierte Vorstellung von Kunst“ und von Künstlergenie gehalten, was uns zur Antwort nach der Frage bringt, ob Roboter Künstler sein können. Die Maschinen seien „mit Daten von heute oder gestern gefüttert“. Künstliche Intelligenz habe weder Gedächtnis, noch Bewusstsein, Selbstreflexion, internistische Motivation, Einbildungskraft, Empfindungsqualität, Instinkte oder Intuition. Und kein Roboter habe Phantasie, so Siebenhaar, dies alles bleibe dem Menschen vorbehalten.

„Erst in und über uns entwickelt sich diese Kunst“

„Der Mensch steht immer am Anfang“, „ohne uns kann das Projekt nicht stattfinden“. Kunst sei „nicht mehr ein Werk, sondern ein Prozess, eine Performance“: „Erst in und über uns entwickelt sich diese Kunst“. Im Sinne dieser Ereignisästhetik der Kombination von Mensch und Maschine könne dann eben auch ein Computer kreativ sein, auch „weil wir den Begriff des Künstlers ersetzt haben durch den Begriff des Kreativen“, meint Siebenhaar. Am Ende sei die Frage, ob wir uns auf eine „distinkte Definition von Kunst“ einigen wollen. Anderenfalls „bleibt es diffus“.

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