Auf in die Zukunft: Neue Dimensionen der Robotik

Home  >>  Gastautorinn/en  >>  Auf in die Zukunft: Neue Dimensionen der Robotik

Auf in die Zukunft: Neue Dimensionen der Robotik

„Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien“ – bei diesem Satz dachte Oscar Wilde wohl kaum an die heutige Robotik. Robotern einen eigenen „Geist“ einzuhauchen, gehört aber zu diesen fortschreitenden Utopien, die unser Leben immer mehr beeinflussen. Autonome Roboter sind mobil und erledigen ihre Aufgaben ganz von allein. Die Robotik erreicht dabei immer neue und höhere Dimensionen. Die Frage ist nur: Kann die Politik die nötigen Rahmenbedingungen schaffen?

Vom Hausroboter zum Flugtaxi: Ab der dritten Dimension braucht es den Staat

Erste Dimension: Roboter helfen im Haushalt

Am Anfang war der Saugroboter. Staubsaug- und Mähroboter eroberten unsere Haushalte und Gärten im Sturm. Man gewann im Alltag Zeit für andere Dinge, auch für Freizeit. Doch damit sollte die Offensive von hilfreichen Robotern nicht enden. Laut der International Federation of Robotics sollen bis 2019 bereits 31 Millionen Haushaltsroboter verkauft werden. Sie haben das Potential, im Alltag unentbehrlich zu werden.

Etwas „Cat-Content“ am Rande: Durch die offene Haustür „entlaufene“ Staubsaugerroboter werden heute – ähnlich wie vermisste Katzen – per Steckbrief an der Laterne gesucht.

Zweite Dimension: Roboter erleichtern unsere Arbeit

Roboter könnten die perfekten Assistenten sein. Sie meckern nicht, sind ausdauernd und brauchen im Grunde nur eine entsprechende Energieversorgung – perfekte Assistenten also für lästige oder anstrengende Aufgaben.

Beim Golfen zum Beispiel ließe sich so das „Aufräumen“ revolutionieren. Das Robotik-Startup Meadow Robotics hat sich auf die Entwicklung von Servicerobotik spezialisiert. Ihr erstes Produkt, der selbstfahrende Range Robot, sammelt autonom Golfbälle auf dem Platz ein. Geringer Personaleinsatz, mehr Spielzeit „auf der Range“ und weniger Lärm sind die praktischen Folgen.

Was bei Freizeitsportlern der Caddy-Assistent wird, ist auch in der Pflege auf dem Weg. Denn: Unsere Gesellschaft wird immer älter, das Pflegepersonal immer weniger. So können Assistenzroboter bei der Alltagsbewältigung in entsprechenden Einrichtungen unterstützen – und dem Personal sowie den Hilfsbedürftigen das Leben erleichtern. Der Care-O-bot 3 vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA zum Beispiel übernimmt Aufgaben wie ein Butler sowohl im Haushalt als auch in Seniorenheimen. Oder statt eines Therapiehunds wird die Roboter-Robbe Paro als Schmuseroboter für Demenz- und Alzheimerkranke eingesetzt.

Dritte Dimension: Autonome Fahrzeuge und Drohnen revolutionieren den Straßenverkehr

Nicht nur in den eigenen vier Wänden halten (teil-)autonome Systeme Einzug, sondern auch im Straßenverkehr. So liefern Roboter Pakete nach Hause. Das Startup Starship Technologies testet solche Lieferhelfer gemeinsam mit dem Logistik-Unternehmen Hermes auf Hamburger Straßen. Sogar Pizzen von Dominos können diese Lieferroboter autonom durch die Straßen ausliefern.

Diese Roboter können zusätzlich als Erleichterung für Menschen dienen, die nicht zu Hause sind und Lieferungen erst ab einer bestimmten Uhrzeit annehmen können. Zur gewünschten Zeit liefert der kleine autonome Lieferant das Paket ab. Der Paketbote wird dementsprechend nicht ersetzt.

Personen statt Pizza: Mit selbstfahrenden Autos ist eine noch tiefgreifendere Entwicklung des Straßenverkehrs angestoßen. Autonome Fahrzeuge sollen die Sicherheit im Straßenverkehr sowie den Komfort der Insassen erhöhen. Eine „Neuerfindung des Automobils“ geht auch mit dem Wunsch nach mehr Elektromobilität und Nachhaltigkeit einher.

Die Umwelt des Straßenverkehrs soll sich entwickeln – weniger CO2, Lärm und Unfälle. Laut dem Tesla-Unternehmer Elon Musk werden selbstfahrende Autos schon bis Ende 2019 „mindestens 100 bis 200 Prozent sicherer“ sein als menschliche Fahrer. Auch der US-Automobilhersteller Ford will „autonome Fahrzeuge für die breite Masse nutzbar machen“.  Waymo, eine Schwesterfirma von Google, und Apple sind auch an der Erprobung autonomer Fahrzeugen dran.

Hohe Ziele haben sich die Unternehmen gesetzt. Unfälle bei Testfahrten von Tesla und Uber dämpfen ein wenig die Begeisterung. Aber Unfälle passieren nun einmal. Doch wer haftet bei den selbstfahrenden Autos? Hier kommt die Politik ins Spiel. 2017 wurde das Straßenverkehrsgesetz geändert, zugunsten des automatisierten Fahrens. Die automatisierte Fahrfunktion ist damit zulässig. Das Gesetz soll künftig Rechtssicherheit schaffen, für den Fahrer als auch für den Autohersteller.

Grundsätzlich gilt: Der Mensch bleibt verantwortlich. Es haftet weiterhin der Fahrzeugführer. „Die Kfz-Haftpflichtversicherung des Fahrzeughalters entschädigt das Opfer oder dessen Angehörige, unabhängig davon, ob der Unfall durch einen Fahrfehler, einen technischen Defekt oder ein automatisiertes Fahrsystem verursacht wurde“, sagt Martin Stadler, Justiziar bei der Allianz Versicherungs-AG im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Die Entwicklung schreitet voran und die deutsche Politik mit. Parallel wird an Konkurrenzprodukten gearbeitet. Diese peilen einen anderen Verkehrsweg an – die Luft.

Rahmenbedingungen als Herausforderung für Innovationen

Auch wenn die Straßen noch längst nicht von autonom fahrenden Autos beherrscht werden, ist die nächste Dimension nicht weit. Sie geht in die Luft mit einem Flugtaxi. Zwar wurde die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär für diese Zukunftsvision belächelt, dennoch sind Unternehmen ernsthaft mit ihrer Entwicklung befasst.

Google-Gründer Larry Page mit seiner Firma Kitty Hawk entwickelt ein Flugtaxi namens „Cora“. Am deutschen Startup-Unternehmen Volocopter ist der deutsche Autohersteller Daimler beteiligt. Ein Volocopter absolvierte bereits in Dubai einen unbemannten Testflug und schwebte acht Minuten lang über 60 Meter. Volocopter-Mitgründer Alex Zosel verspricht eine Umsetzung ihrer Flug-Taxis in 10 bis 15 Jahren. Das Münchner Startup Lilium Aviation will den ersten elektrisch-betriebenen, senkrechtstartenden Jet für den Individualverkehr bauen. Einen unbemannten Testflug hat auch dieser Prototyp hinter sich.

Nachhaltigkeit, Effizienz, und Schnelligkeit sind die treibenden Motivationen. Konzerne aus dem Mobilitätssektor erkennen diese Entwicklung und kooperieren mit Startups für innovative Ideen. Wagniskapitalgeber haben sich auch dafür in Stellung gebracht. Freigeist Capital, die Investmentfirma von Frank Thelen, investierte unter anderem in die Frühphase von Lilium Aviation.

„Die Nutzung des innerstädtischen Luftraums ist wichtig, wenn man individuelle Mobilität in unseren Innenstädten erhalten will“, begründete Dorothee Bär. Die autonome Robotik hat die Politik erfasst und das Potential, einen gesellschaftlichen Wandel auszulösen. München zum Beispiel bereitet sich schon baulich auf den Einsatz von Flugtaxis in den kommenden Jahren vor.

Viele Länder sind bereits dabei sich für die innovativen Transportmittel zu öffnen. Die Frage nach den politischen Rahmenbedingungen bestimmen die Debatte.

Gesetzliche Reglementierungen sind laut der European Flying Car Association (EFCA) am weitesten in den USA, UK, Europa, Israel und Dubai entwickelt. Aus diesen Ländern kämen bereits positive Maßnahmen in der Entwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen für Drohnen und weiterführend auch für fliegende Autos. In Deutschland gibt es bereits den Verband Deutsche Fliegende Autos Club (DFAC).

Einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und der Aachener Forschungsgesellschaft fka nach bleibe Deutschland zwar in einer Führungsrolle, was die Weiterentwicklung solcher Systeme angeht. Doch die Konkurrenz aus den USA und China schläft nicht. In den USA gibt es bereits Gesetze, die den kommerziellen Einsatz von selbstfahrenden Fahrzeugen erlauben.

Das US-Dienstleistungsunternehmen Uber macht es vor und fördert die Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden. Ein Projekt der Federal Aviation Authority (FAA) in den USA erlaubt es dem ehemaligen Startup die Technologie und Rahmenbedingungen von Drohnensysteme zu testen. Der FAA sieht sich klar als „Sicherheitsregulierer“, aus ihrer Perspektive ist die Sicherheit des Transportmittels das entscheidende. Uber arbeitet auch mit der NASA zusammen, erhofft sich auch Zusammenarbeit mit der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA).

Jedes Land unternimmt unterschiedliche Bewertungen in der Frage der autonom fliegenden Autos. Wer ein großer Player auf diesem Gebiet werden kann, wird die Zeit zeigen. Das wird derjenige sein, der am schnellsten die geeigneten Rahmenbedingungen festlegt und auf diese reagiert. In Deutschland signalisiert die Bereitschaft und Entschlossenheit von Dorothee Bär ein grundsätzliches Interesse an der Entwicklung der fliegenden Autos.

Startups machen Innovation möglich

Alle diese Möglichkeiten der autonomen Robotik faszinieren uns. Wer macht diese Neuheiten möglich? Oft sind es Startups und Wachstumsunternehmen, die sich mit solchen Innovationen hervorheben. Startups wollen ein Problem häufig mit Hilfe von neuer Technologie lösen. Der Markt für ihre Geschäftsidee kann sehr jung oder noch gar nicht erschlossen sein. Robotik-Startups sind im Aufwind und schaffen diese neuen Innovationen.

Startups, die sich mit Robotik beschäftigen, sammeln viele Millionen an Wagniskapital ein. 2016 haben sich die Investitionen laut dem Magazin Berlin Valley in nicht US-Startups fast verdoppelt: 45 Prozent der Gelder flossen in internationale Robotik-Startups. Dazu gehören China (6 Prozent), Frankreich (7 Prozent) und Indien (4 Prozent). Das deutsche Robotik Startup Magazino zum Beispiel konnte 20,1 Millionen Euro einsammeln, unter anderem von Zalando. Micropsi Industries will mit künstlicher Intelligenz kollaborative Roboter ermöglichen. Dafür erhielt das Berliner Startup schon drei Millionen Euro von verschiedenen Venture-Capital-Gebern, wie coparion oder Vito Ventures.

Wagniskapital ist bei Startups besonders in der Früh- und Wachstumsphase von Nöten. Die Finanzierung erweist sich für die Gründer oft als Hindernis. Eine Bitkom-Studie dieses Jahr bringt es auf den Punkt: Startups in Deutschland benötigen für die nächsten zwei Jahre im Schnitt 3,1 Millionen Euro.

„Gerade für die internationale Expansion von etablierten deutschen Startups sind entsprechende Finanzierungsrunden unabdingbar. Hier hinkten wir im Vergleich zu den USA, Israel oder auch China bislang hinterher“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Mobilisierung von mehr Risikokapital wird auch vom deutschen Staat erwartet. So wurden im Koalitionsvertrag der Großen Koalition 2018 Maßnahmen vorgestellt, um Gründer einfacher an Kapital kommen zu lassen.

Startup-Finanzierungen kann unter anderem auch durch Crowdinvesting gewährleistet werden. Zum Beispiel ist es für jedermann möglich auf professionellen Investmentplattformen, sich mit einer Investition in Startups und Wachstumsunternehmen einzubringen. So kann jeder aktiv die Zukunft mitgestalten und Innovationen- unter anderem im Robotik-Bereich – fördern.

Autonome Roboter werden immer wichtiger, ganze Branchen richten sich darauf aus und die vermeintliche Utopie kommt uns immer näher. Die Politik muss darauf reagieren, wenn Deutschland ein Vorreiter des Fortschritts sein möchte.

Jana Biesterfeldt ist Wirtschaftsredakteurin bei der Investmentplattform Companisto.

Teilen und Drucken
Email this to someone
email
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Print this page
Print

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.